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Geht's nicht etwas langweiliger? Ein Plädoyer für mehr Konzentration.

Wann hast Du Dich das letzte Mal gelangweilt? Langeweile ist in Zeiten von 24/7-Entertainment und multimedialer Dauerberieselung ein Tabu-Thema. Sie birgt Frustrationsprobleme und Gesundheitsrisiken; doch bei richtigem Umgang mit ihr auch großes Potenzial … Denn einzigartige Ideen und komplexe Gedanken entstehen in Phasen der Konzentration.

24/7 Entertainment

Guten Morgen! Augen auf, einmal gähnen und Dein erster Griff geht zum Handy. Wecker aus … und dann schon mal kurz die üblichen Kanäle checken. Eben jene speckigen, abgegriffene App-Icons, die wir jeden Tag zig mal betätigen: SMS, Chats, soziale Netzwerke, manchmal Nachrichten-Seiten. In besonders schlimmen Fällen werden schon morgens die Geschäfts-Mails gecheckt. Okay, jetzt aber raus aus den Federn. Die Zeit beim Duschen kannst Du doch prima nutzen, um neue Musik auf Spotify zu entdecken. Nach drei Versuchen hat sich Dein Smartphone dann auch mit den Bluetooth Lautsprechern im Bad verbunden und Du kannst Deinen Musikgeschmack dem neuesten Algorithmus anpassen. Die Playlist zum Chillout Yoga hast Du zum Glück schon gespeichert – morgens vor der Arbeit musst Du Dich schließlich noch schnell entspannen, um leistungsfähig und verdammt gut drauf in den Tag zu starten.

Während Du Dir in der Bahn einen Soja-Detox Smoothie reindrückst werden Timelines und Newsfeeds aus der ganzen Welt gecheckt. „Ganze Welt“ bedeutet bei durchschnittlich engagierten Verfolgern des Weltgeschehens, das Überfliegen zweier nationaler, viellicht einer US-amerikanischen Tageszeitung und eben den Top Tweets der letzten acht Stunden. Endlich im Büro: Du legst eine stramme Pendlerstrecke zwischen Deinem Arbeitsplatz, dem Telefon und Kopierer, graduell nach Dringlichkeit abgestuften Meetings und Smalltalk am Kaffeeautomaten zurück. In der Pause kursieren die geilsten Snaps vom Wochenende – private Leistungsnachweise, wahlweise in Form von gelungenem Instagram Food-Porn, utopischen Jogging Laufstrecken oder Fashion Selfies. Der Nachmittag ist (siehe Vormittag). Abends zum Chillaxen noch ein bisschen Netflix. Dann ab ins Bett.

Langeweile 01

Wem auffällt, was in diesem Tagesablauf fehlt, gewinnt seinen persönlichen Hashtag. Hinweis: ich will hier nicht die Achtsamkeits-Moralkeule schwingen, an manchen Tagen sieht´s bei mir ganz ähnlich aus. Gleichzeitig verdiene ich mein Geld mit Ideen und Texten. Für die brauchst Du vor allem Eines: Ruhe, einen freien Kopf, die Abwesenheit von Berieselung und medialem Input. Kurz, die Möglichkeit sich zu konzentrieren. Richtig, ich spreche vom Entertainment-Horror Vacui. Von gezieltem und gewolltem Abschalten jedweder Ablenkung oder Unterhaltung, einhergehend mit der Gefahr, zur Ruhe zu kommen, klare Gedanken zu fassen und sich unter Umständen anstrengende Fragen zu stellen, vor denen wir sonst doch im nicht enden wollenden multimedialen Nieselregen Zuflucht finden. Damit bist Du nämlich angelangt, bei einem der großen Tabu-Themen unserer always-on Gesellschaft: der Langeweile.

Gefahren der Langeweile

Langeweile hat nicht zwangsläufig etwas mit Nichtstun zu tun. Der Psychologe John Eastwood hat Langeweile als "unerfüllten Wunsch nach befriedigender Tätigkeit“ definiert. Also eine „fehlgesteuerte Konzentration“, die sich nicht auf unsere zu erledigende Aufgabe richtet und diese deshalb als nicht befriedigend wahrgenommen wird. So gesehen ist Langeweile die große Schwester der Prokrastination, dem pathologischen Aufschiebeverhalten.

Langeweile ist für den Gelangweilten selbst übrigens keineswegs harmlos. Schon der Philosoph Blaise Pascal schrieb in seinen Pensée Nr.622:

„Nichts ist dem Menschen so unerträglich, als wenn er sich in vollkommener Ruhe befindet, ohne Leidenschaften, ohne Beschäftigungen, ohne Zerstreuungen, ohne Betriebsamkeit. Dann fühlt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Sogleich werden vom Grunde seiner Seele die Langeweile, der Trübsinn, die Traurigkeit, der Kummer, der Verdruss und die Verzweiflung aufsteigen.“

Und tatsächlich kann Langeweile uns regelrecht in Stress versetzen. Der Anschein, dass alles stillsteht, bedrückt viele Menschen. Auch die Abwehr von Langeweile ist mit psychischen Problemen wie Aufmerksamkeitsstörungen oder Suchterkrankungen assoziiert. Die Wissenschaft spricht hierbei auch vom sogenannten „Boreout“, einer Mischung aus "Boredom" (engl. „Langeweile“) und "Burn-Out". Laut dem gleichnamigen Buch „Boreout“* fallen als Ergebnis der Auswertung zahlreicher Studien in Deutschland 250 Milliarden Euro als Folgekosten gelangweilter Arbeitnehmer an.

Langeweile ist also nicht nur ein soziales Problem. Wer nicht selbstoptimiert und dauer-busy durch die Gegend und das Netz streift, hat wohl ein Problem. Keine Termine? Keine ToDos? Keine Freunde? Jedenfalls verpasst die- oder derjenige was! Vielmehr stellt Langeweile auch eine unternehmerische Herausforderung dar. Anna Gielas hat für das Magazin „Psychologie heute“ in ihrem Artikel „Hat Langeweile einen Sinn?“ die Ergebnisse der Langeweileforschung zusammen getragen. Zu ihrer Ergebnisse zählt, dass Langeweile einen Stresszustand darstellt, bei dem Stresshormone ausgeschüttet werden, Puls und Blutdruck steigen. Sie macht anfällig für Wut, Angst oder Depressionen. Im Arbeitsalltag spielt Langeweile ebenfalls eine wichtige Rolle: so sind beispielsweise Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, die sich oft langweilen, häufiger von Herzinfarkten betroffen und sterben früher als Kollegen, die sich nicht langweilen.

Langeweile stellt für Unternehmen folglich eine doppelte Herausforderung dar: sie kann die Produktivität senken und die Arbeitnehmer seelisch belasten.

Eigentlich ist Langeweile eine Erfahrung, die uns seit der Antike zur Auseinandersetzung mit Fragen unserer Existenz anregt. So wie Kinder sich langweilen müssen, um kreativ zu werden, gilt das Gleiche für uns Erwachsenen. Bereits Friedrich Nietzsche wusste, dass Langeweile „eine unangenehme Windstille der Seele ist, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.“

Informations-Dauerfeuer und 24/7-Erreichbarkeit hindern uns daran, unser Potenzial auszuschöpfen. Ständige Ablenkungen sorgen für Stress, Zerstreuung, Leistungsdruck. Diese sind die Feinde von tiefen Gedanken, guten Ideen und Kreativität.

Langeweile 02

Timothy Wilson von der Universität in Charlottesville definiert Langeweile sogar als Eigenschaft, die uns von anderen Art unterscheidet. Denn sie ermöglicht uns, ohne bestimmtes Ziel über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken und sich von seiner Umwelt loszusagen. Das Ergebnis seiner Untersuchung zeigt, dass wir uns lieber ablenken, als uns den eigenen Gedanken hinzugeben. Selbst wenn die Alternative, wie in seinem Versuch, ein leichter Elektroschock ist!

Mehr zur wissenschaftlichen Untersuchung von Langeweile findest Du im BoredomLab

Langeweile als Chance.

Anna Gielas gibt in ihrem Artikel Tipps, um Langeweile zu vermeiden. Dabei geht es hauptsächlich darum, Konzentration bewusst zu steuern. So hilft es auf Papier zu Kritzeln (Motivideen der SoF-Redaktion: Ausserirdische Lebensformen, Traumpartner/in und Innenraum-Designs selbstfahrender Autos). Oder eine Technik, die sich „Gedankenwanderung“ nennt. Das ist so etwas wie eine bewusste Tagträumerei.

Die Wissenschaft unterscheidet in vier Arten von Langeweile: indifferent, zielsuchend, reaktand oder kalibrierend. Über die Hälfte von der Menschen ist von letzterer betroffen – eben jener „kalibrierenden Langeweile“, die im Sprachgebrauch auch „Tagträumerei“ genannt wird. Man schweift mit den Gedanken ab, lässt seiner Fantasie ein wenig freien Lauf. Durch bestimmte Worte oder direkte Ansprache werden wir dann „reaktiviert“ und sind wieder bei der Sache. Wer weiß, vielleicht überraschst Du Dich selbst mit kreativen Gedankenwanderungen!

Langeweile 03

Daher mein Plädoyer für etwas mehr Langeweile: Sie bietet Dir die Möglichkeit, kurz Innezuhalten, aus Deinem Alltagstunnel aufzublicken und etwas Abstand zu gewinnen. Das entspannt Dich, eröffnet neue Perspektiven auf Probleme und macht oft Ideen und Lösungen erst möglich!

Langeweile als Chance: Warum Ideen und komplexe Gedanken Phasen der Ruhe und Konzentration brauchen. #contentmarketingjetzt zwitschern

Dir selbst diese Möglichkeiten zu geben, hat viel mit Deinem Medienverhalten zu tun. Denn viele Menschen behandeln ihre Smartphones und Laptops wie ein Teenager seine Spielkonsole – und kommen nicht davon weg. Dabei sind Computer echte Zeitfresser, wenn es um die Entwicklung eigenständiger Ideen geht. Ein Internet Zugang kann in Phasen der Konzentration Deine Gedanken schon im Keim ersticken. Denn solche Ablenkungen verleiten dazu, ständig nach bestehenden Lösungen zu suchen, sich in „Recherche“ zu verlieren oder mit Nebensächlichkeiten aufzuhalten – statt darüber nachzudenken, was Du eigentlich sagen willst.

Devices und Programme verwischen oft die Grenze zwischen der Botschaft (dem inhaltlichen Gerüst, strukturiertem Denken und Ideenentwicklung) und der Übersetzung dieser in gelungene Kommunikationsmaßnahmen. Deshalb solltest Du zum Nachdenken nur einen Stift und Papier verwenden. Denn sonst ist die Verlockung viel zu groß, sich mit der Wahl der passenden Farben und Schriften für Deine Präsentation zu beschäftigen, noch bevor Du überhaupt die Inhalte auf den Punkt gebracht und eine gute Dramaturgie aufgebaut hast.

Also gib dem Ganzen eine Chance, riskiere Dich zu langweilen und setze Dich vor ein Blatt Papier. Deine Gedanken werden ihren Weg finden. Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe uns auf Twitter unter @attmagazin.